Job-Wechsel in Zeiten der Krise?
In letzter Zeit werden wir von Bewerbern gelegentlich gefragt, ob es ratsam sei, in den derzeitigen wirtschaftlichen Krisenzeiten freiwillig den Arbeitgeber zu wechseln. Zugegeben, eine berechtigte, wenn auch nicht ganz einfach zu beantwortende Frage. Trotzdem möchte ich das Für und Wider kurz beleuchten.
Es gibt eigentlich nur zwei Gründe, die jemanden zum Stellenwechsel veranlassen: Man ist unzufrieden mit der jetzigen Stelle. Dies kann am Aufgabeninhalt liegen, am Vorgesetzten, an der Firma (Umfeld, Klima, wirtschaftliche Situation usw.), an der geografischen Lage (zu weiter Pendelweg), an der Vergütung und manchem mehr. Es kommt aber auch vor, dass ein Stelleninhaber angesprochen wird und man ihm eine Stelle anbietet, die interessanter erscheint als die derzeitige, der Arbeitsort vielleicht günstiger liegt, das Einkommen attraktiver ist – hier gibt es unzählige Gründe, die manchen eigentlich Zufriedenen zum Nachdenken bringen. Für die Motivation zum Job-Wechsel ist der Grund letztlich unerheblich, die Frage ist, ob es im Moment opportun erscheint, einen solchen Schritt zu tun.
Zunächst ist es wichtig, die eigene Situation zu analysieren: Bin ich grundsätzlich zufrieden? Ist mein Arbeitgeber wirtschaftlich gesund? Stimmt die Bezahlung? Fühle ich mich in meinem Umfeld wohl? Kann ich mit einer guten beruflichen Weiterentwicklung rechnen? Werden Schulungs- und Qualifizierungsmaßnahmen angeboten oder Zeit dafür eingeräumt? Sollten diese oder zumindest ein Großteil dieser Fragen positiv beantwortet werden, sollte man sich einen Wechsel wohl überlegen.
Danach kommt eine möglichst umfassende Bewertung des neuen Stellenangebotes: Wirtschaftliche Situation des potentiellen Arbeitgebers? Wächst die Firma oder schrumpft sie? Stimmt das Gehalt? Mache ich einen Schritt nach vorne oder zumindest nicht zurück? Wo bekommt man solche Informationen? Die meisten Firmen präsentieren sich heute im Internet. Die wichtigsten Daten des Jahresergebnisses werden veröffentlicht und sind ebenfalls im Internet zu finden. Größere Firmen veröffentlichen einen kompletten Jahresabschluss. Vielleicht kennt man selbst oder jemand aus dem Bekanntenkreis Mitarbeiter der Firma, bei denen man Erkundigungen einholen kann. Veröffentlichungen von Verbänden oder Kammern können ebenfalls gute Quellen sein. Wird die Stelle über einen Personalberater besetzt, ist auch dieser in der Regel ein „ehrlicher Makler“ und gibt Auskunft.
Was spricht nun dafür, gerade heute zu wechseln? Firmen, die derzeit suchen, sind offenbar gesund genug und wollen weiter wachsen oder gute Mitarbeiter einsetzen. Verbesserung der Mitarbeitersituation ist angesagt, unabhängig von der Krise. Und wenn der Aufschwung wieder kommt, ist man vielleicht in einer interessanten Lage – man gestaltet das Wachstum mit. Und das kann sich – gute Arbeit vorausgesetzt – sehr positiv auf die weitere berufliche Entwicklung im neuen Unternehmen auswirken.
Natürlich gibt es auch Gründe, die dagegen sprechen: Gerade wenn Sie schon länger in einem Unternehmen sind, haben Sie eine gewisse Sicherheit (Kündigungsfristen usw.). Wenn es im neuen Job oder mit der neuen Firma „schief“ geht, ist der Newcomer meist der erste, der wieder gehen muss – vielleicht noch in der Probezeit. Es fehlt Ihnen in der neuen Stelle das Netzwerk, das die Aufgabenerfüllung erleichtert, niemand kennt Sie, Unterstützung müssen Sie sich evtl. mühsam zusammensuchen.
Fazit: Wenn einerseits eine gewisse Unzufriedenheit mit der derzeitigen Situation besteht und andererseits die bekannten Fakten eine Chance dafür bieten, dass die neue Stelle Vorteile bringt, sollte man sich auch in der jetzigen Situation nicht scheuen, den nächsten beruflichen Schritt zu tun. Eine Garantie für das Gelingen gibt es nicht, aber wer kann Ihnen versprechen, dass Ihre jetzige Stelle Sie längerfristig zufrieden stellt oder wirtschaftlich sichert?
Alfred Speth
Geschäftsführender Gesellschafter
