05.07.2006

Globalisierung und Patriotismus – ein Gegensatz?

Anfang des Jahres 2005 verlangte der deutsche Wirtschaftsminister Clement angesichts von über fünf Millionen Arbeitslosen einen „modernen Patriotismus“ von den Unternehmern.

Der Begriff „Patriotismus“ war bislang eigentlich eher politisch besetzt. Der Brockhaus definiert ihn als „Vaterlandsliebe, die im staatsbürgerlichen Ethos wurzelnde, zugleich gefühlsbetonte, oft leidenschaftlich gesteigerte Hingabe an das überpersönliche staatliche Ganze...“. Warum plötzlich Patriotismus in der Wirtschaft? Kann er eine volks- oder betriebswirtschaftliche Größe sein? Wie weit geht die gesellschaftliche Verantwortung? Können Unternehmer ihre Entscheidung nach patriotischen Gesichtspunkten treffen? Oder zwingt sie nicht vielmehr der globale Wettbewerb, über Rationalisierungen und damit Kostensenkungen, Produktionsverlagerungen ins preiswertere Ausland und alle Formen des Outsourcings nachzudenken? 

Clement hat mit seiner Bemerkung sicherlich gemeint, dass Arbeitsplätze in Deutschland gehalten oder geschaffen werden sollen, nicht im Ausland. Tatsächlich denkt z.B. ganz aktuell Volkswagen darüber nach, die Produktion des neuen Geländewagens von Wolfsburg nach Portugal zu verlagern. 1.000 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel, es sei denn, man einigt sich über Zugeständnisse der Arbeitnehmer, um die Produktionskosten zu senken. Diese Zugeständnisse sollen bei bis zu 900 Euro pro hergestelltem Fahrzeug liegen. Andere Autohersteller fertigen bereits in Osteuropa. Zulieferer sind gefolgt (damit auch die entsprechenden Arbeitsplätze) und liefern von ihren Fertigungsstätten in unmittelbarer Nähe an die Bänder der Firmen. Oder aber die Vorfertigung erfolgt in Billiglohnländern, Endmontage und Qualitätskontrolle in den Werken im Inland.

Diese Entwicklung ist für viele – auch mittelständische – Unternehmen letztlich die einzige Chance zu überleben. Ein gutes Beispiel stellt der Motorsägen-Hersteller Stihl dar. Er beschäftigt weltweit etwa 7.700 Mitarbeiter, in Deutschland allerdings nur noch knapp die Hälfte, nämlich 3.500. Die Arbeitskosten je Produktionsstunde liegen in der Betriebsstätte in der Schweiz um 30% unter denen in Deutschland, wobei die Schweiz sicherlich nicht im Ruf eines Niedriglohnlandes steht. In anderen Fertigungsstätten ist der Kostenvorteil noch deutlicher. Trotzdem hat Stihl in den letzten Jahren 40 Millionen Euro in Deutschland investiert. Von fehlendem Bekenntnis zum Standort Deutschland kann man hier wahrlich nicht reden.

Patriotismus könnte aber auch bedeuten, dass wir nur bei uns hergestellte Waren kaufen. Damit würden allerdings ganze Investitions- und Konsumgüterbereiche zusammenbrechen. Wir kaufen Autos und Unterhaltungselektronik aus Fernost, der jüngste Streit zwischen EU und China zeigte überdeutlich auf, wo viele unserer Textilien gefertigt werden. Diese Liste ließe sich fortsetzen, sie soll nur ein Beispiel dafür sein, wie international verflochten wir bereits sind und warum Patriotismus sicherlich kein guter Ratgeber für wirtschaftliche Entscheidungen – weder auf Unternehmens- noch auf Konsumentenseite – ist. Gottlob ist noch niemand auf die Idee gekommen, von Verbrauchern „kauft deutsch“ zu verlangen. Aber es wird verlangt, in Deutschland zu investieren und Arbeitsplätze zu schaffen. Ein gewisser Widerspruch ist erkennbar!

Und diese Medaille hat noch eine andere Seite: Deutschland ist Exportweltmeister! Ohne die über Jahrzehnte boomenden Ausfuhren wäre unser Wohlstand nicht zustande gekommen. Wenn nun plötzlich unsere Abnehmer im Ausland patriotisch denken und unsere Waren nicht mehr abnehmen? Unsere wirtschaftlichen Probleme würden sich vervielfachen!

Aus unserer Sicht bedeutet dies alles, dass der politische Begriff „Patriotismus“ in der geführten Diskussion nichts zu suchen hat. Wir exportieren, wir importieren, wir schaffen Arbeitsplätze in Industrie und Dienstleistung im In- und Ausland. Sicherlich hat dies alles eine politische Komponente, aber diese Komponente sollte nicht Maßstab für wirtschaftliche Entscheidungen sein.

Alfred Speth
Geschäftsführender Gesellschafter