03.05.2006

Wohin geht die Globalisierungsreise in Deutschland?

Waren es anfangs vor allem Großfirmen bzw. Konzerne, die sich zunächst Märkte gesucht, später auch Fertigungsstätten auf der ganzen Welt aufgebaut haben, ist heute zunehmend der Mittelstand auf der Suche nach globalem Wachstum.

Ein Blick zurück: In den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts begannen viele Firmen, sich Standbeine außerhalb Deutschlands zu schaffen. Oftmals begann alles mit einer Vertriebs- und Serviceniederlassung. Hauptziel waren die USA – ein riesiger Markt mit einheitlicher Währung. Es kamen Fertigungsstätten hinzu, wobei nicht unbedingt  Kostenvorteile im Vordergrund standen, sondern die Nähe zum Markt.

In den 80er Jahren wurden Fertigungskapazitäten nach Osteuropa – damals noch hinter den „Eisernen Vorhang“ – verlagert. Es ging vorwiegend um die Kostenstruktur. Länder wie Tschechien hatten eine lange industrielle Geschichte, damit  genügend Know-How  und ein ausreichendes Potenzial an Arbeitskräften. Vorwiegend Produktionsprozesse mit hohem manuellem Anteil wurden in diese Länder verlagert. Sonderentwicklungen seien nicht vergessen: Die Automobilindustrie hat in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts in Mittel- und Südamerika sowie Südafrika umfangreich investiert. Der berühmte VW-Käfer wurde in Europa schon lange nicht mehr gebaut, als er in Mexiko noch ein Verkaufsschlager war und z.T. wieder nach Europa „exportiert“ wurde. 

In den 90er Jahren ging der Trend zunehmend Richtung Asien, in jüngster Zeit verstärkt nach China. Dabei spielt die Kostenstruktur für das produzierende Gewerbe eine entscheidende Rolle, China ist aber  auch ein Markt mit über einer Milliarde Menschen und damit möglichen Abnehmern. 

Wie sieht es nun heute aus?
Laut einem Bericht des Handelsblattes haben die führenden Konzerne in Deutschland die Investitionen im Inland in 2004 um 20% reduziert, dafür die Auslandsinvestitionen aufgestockt. Im Ausland wurde über 3 mal so viel investiert wie im Inland. 2005 wird sich dies fortsetzen: Eine DIHK-Umfrage aus dem Frühjahr 2005 ergab, dass 42% der befragten Unternehmen höhere Auslandsinvestitionen planen als im Vorjahr. Diese Mehrinvestitionen verteilen sich wie folgt: 43% EU-Beitrittsländer von 2004, 37% China, 35%  „alte“ EU-Länder, 27% Ost- und Südosteuropa jenseits der EU, 19% Nordamerika und 16% Asien ohne China (Mehrfachnennungen waren möglich). Der hohe Anteil für die neuen EU-Beitrittsländer mag überraschen: Es sind einmal die geringeren Lohn- und Lohnzusatzkosten, jedoch auch die stabiler werdenden rechtlichen Rahmenbedingungen sowie häufig geringere Unternehmenssteuern, die das deutsche Kapital anziehen. Nochmals die DIHK-Studie: „Mehr als ein Drittel der auslandsinvestitionsbereiten Industrieunternehmen gibt an, mit Teilen der Produktion ins kostengünstigere Ausland zu gehen – und Kapazitäten im Inland auf den Prüfstand zu stellen“. 

Branchenschwerpunkte für globale Investitionen gibt es heute praktisch nicht mehr. Zunächst war es die Textilindustrie, die in Fernost und Nordafrika Fuß fasste. Die metallverarbeitende und Maschinenbauindustrie ging nach Osteuropa, die Elektroindustrie nach Fernost. Und heute finden wir die Automobilbauer und entsprechende Zulieferer in China. Sogar Dienstleistung wandert ab. Indische Rechenzentren bedienen Märkte rund um den Globus. Ein Ergebnis dieser Entwicklung wird sein, dass das Wachstum in Deutschland in naher Zukunft nur sehr gering ausfallen wird. Was im Ausland investiert wird, fehlt im Inland. Denn: Zusätzliche Investitionen bedeuten in der Regel zusätzliche Arbeitsplätze. Wir befinden uns in einem Teufelskreis: Fehlende Investitionen schaffen keine Arbeitsplätze – die wir jedoch dringend benötigen. 

Gibt es einen Ausweg? Unsere Kostenstrukturen müssen wettbewerbsbedingt auf den Prüfstand gestellt werden. In unserer Region gibt es Firmen, die sich zum Fertigungsstandort Deutschland bekennen, aber z.B. den Urlaubsanspruch auf 25 Tage begrenzen. Oder die längerfristige Beschäftigungsgarantien geben, im Gegenzug aber längere Wochenarbeitszeiten vereinbaren. Nicht weniger, sondern mehr Arbeit ist notwendig, um im internationalen Vergleich zu bestehen. Daneben liegt eine große Chance in marktgerechterer Ausbildung. Diese hilft entscheidend, höher qualifizierte Arbeitsplätze zu schaffen und zu erhalten.

Alfred Speth
Geschäftsführender Gesellschafter