01.01.2006

Globalisierung – Chance oder Chaos?

Wenige Themen werden so konträr diskutiert wie das der Globalisierung. Bei Befürwortern und Gegnern fällt auf, dass oft die Emotionen im Vordergrund stehen. Dadurch kann  keine Basis für eine vernünftige Diskussion des Für und Wider zustande kommen. Um eines gleich vorweg zu nehmen: Wir halten die Globalisierung für eine große Errungenschaft der Menschheitsgeschichte. Einhergehend mit Aufklärung und positiver Gestaltung der Menschenrechte sowie Überwindung des politischen, aber auch wirtschaftlichen Protektionismus, kann Globalisierung so etwas wie „Welterneuerung“ bedeuten. Vorausgesetzt, Politik und Wirtschaft schaffen Globalstrukturen, die den Menschen in aller Welt zum Vorteil eines menschenwürdigen Daseins gereichen. Fernab vom „Shareholder-Value“-Denken. 

Versuchen wir zuerst einmal den Begriff Globalisierung zu definieren. „Global“ ist laut Brockhaus „den Erdball umfassend“. Über diese Definition dürfte es wohl keinerlei Diskussionen geben. 

Stellen wir fest: Die Absatzmärkte haben sich im Laufe von Jahrtausenden von der Regionalisierung über die Internationalisierung zu einer Globalisierung entwickelt. Bernstein aus der Ostsee wurde in Griechenland zu Schmuck verarbeitet. Regionale Uhren- und Glashersteller haben ihre Produkte in Europa und Übersee verkauft. Und heute kann man überall auf der Welt Autos oder mobile Telefone erwerben, die in Europa oder Asien hergestellt wurden. Die modernen Transportmöglichkeiten haben dazu geführt, dass jedes Produkt fast überall zu haben ist. Unsere Produktionskapazitäten einerseits und die Saturierung der Binnenmärkte in einigen Produktbereichen andererseits zwingen uns dazu, die Erzeugnisse dort zu verkaufen, wo Nachfrage besteht oder geschaffen werden kann.  

Ähnlich ist es bei den Beschaffungsmärkten. Wurden früher fast ausschließlich lokale und regionale Vorprodukte verarbeitet, bieten die genannten Transportmöglichkeiten heute die Chance, sich dort einzudecken, wo Qualität und/oder Preis interessant erscheinen. Zu Beginn der Industrialisierung wurden eher Rohstoffe gekauft und zu Hause weiter verarbeitet, heute sind es Vorprodukte, Baugruppen oder komplette Artikel.   

In diesem Zusammenhang kommt es immer mehr zu einer globalen Arbeitsteilung. Vor- oder auch Endprodukte werden dort hergestellt, wo insbesondere die Arbeitskosten einen wirtschaftlichen Vorteil bieten. Im Laufe der letzten zwei Dekaden hat sich diese Arbeitsteilung vorwiegend Richtung Osten bewegt – über die Länder jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs und der vormaligen Sowjetunion bis in den asiatischen Raum. Die Entwicklung ist vermutlich noch nicht an ihrem Ende angelangt. In Afrika schlummern riesige Potenziale, bisher kaum genutzt – bis auf einige Bereiche der Lohnfertigung in Nordafrika, wo zwischenzeitlich vorwiegend die Textilindustrie Kapazitäten aufgebaut hat.

Diese Entwicklung ist keineswegs auf Konzerne beschränkt. Immer mehr Mittelständler bauen Fertigungsstätten in Osteuropa, Asien und Amerika. Das Lohngefälle wird für lohnintensive Fertigungsprozesse ausgenutzt. In Deutschland wird die Fertigungstiefe massiv reduziert, es erfolgt vielleicht die Endmontage, teilweise nur noch eine Endkontrolle. Das Produkt ist zwar formal noch „made in Germany“, in Wirklichkeit allerdings eher „made by XYZ“.

Die reinen Lohnkosten sind nicht der alleinige Auslöser dafür, dass Arbeitsplätze in anderen Ländern entstehen. Lohnnebenkosten, Steuerbelastung und andere infrastrukturelle Gegebenheiten in Deutschland führen ebenfalls dazu, dass der Unternehmer über Verlagerungen nachdenkt.    

Eine interessante Variante ist die Globalisierung der Dienstleistung, darauf werden wir später zurückkommen. 

Aus unserer Sicht ist Globalisierung nicht das Anwerben von billigen Arbeitskräften, die bereit sind, für wenig Geld zu arbeiten und damit dem Lohndumping Vorschub leisten. In den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts war die Anwerbepolitik wichtig und richtig. Unzählige südeuropäische und türkische Mitarbeiter haben unseren Wohlstand mit aufgebaut. Sie waren allerdings den deutschen Tarifverträgen sowie den Steuer- und Sozialversicherungsregeln unterworfen, was bei heute eingesetzten ausländischen Arbeitskräften offenbar nicht immer der Fall ist.   

Was also ist Globalisierung? Es ist die Nutzung der globalen Absatzmärkte, um das eigene Produkt zu verkaufen. Und es ist die Nutzung der globalen Beschaffungs-, Arbeits- und Dienstleistungsmärkte, um den eigenen Artikel so wirtschaftlich zu fertigen, dass er irgendwo einen Käufer findet. Ob es uns gefällt oder nicht: Globalisierung findet statt, sie kann nicht mehr rückgängig gemacht werden! Bernd Pitschesrieder, VW-Vorstandschef, wird mit folgendem Satz zitiert: „Was Kaiser Karl V. in seinem Imperium nie ganz geschafft hat, für global aufgestellte Konzerne gilt es allemal: Die Sonne geht für sie nie unter.“    

Fortsetzung folgt.

Hermann Limberger; Alfred Speth