Mit einer Bewerbung den eigenen Marktwert testen?
Haben Sie nicht schon gelegentlich den Wunsch verspürt, über eine Bewerbung herauszufinden, was Sie heute auf dem Stellenmarkt „wert“ sind, d.h. auf diese Weise festzustellen, was ein anderer Arbeitgeber Ihnen nach einem Wechsel bezahlen würde? Ein verständliches Anliegen, aber für einige der an diesem Prozess Beteiligten nicht immer ganz angenehm.
Was passiert? Sie senden per Post oder e-mail eine Bewerbung an ein suchendes Unternehmen. Die Anzeige haben Sie in Ihrer Zeitung oder im Internet gesehen. Sie hoffen, dass Sie in die engere Wahl kommen und zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen werden. Falls nicht, haben Sie sich die Mühe umsonst gemacht. Erreicht haben Sie nichts.
Falls doch, gehen Sie wahrscheinlich hin. Sie präsentieren sich professionell, Sie machen einen guten Eindruck, man will Sie vielleicht tatsächlich haben. Sie erhalten ein Angebot. Damit wissen Sie, was Ihnen ein anderer bezahlen würde. Und nun? Wechseln Sie? Oder gehen Sie mit dem Angebot zu Ihrem derzeitigen Arbeitgeber und versuchen, eine Gehaltserhöhung zu bekommen? Vielleicht braucht er Sie im Moment dringend und stimmt einer solchen „Erpressung“ – und um eine solche handelt es sich eindeutig - zu.
Seien Sie sich aber darüber im Klaren, dass dies normalerweise nicht vergessen wird. Bei der nächsten Gelegenheit wird man Sie spüren lassen, dass Sie Ihren Vorteil zum Nachteil des jetzigen Arbeitgebers ausgenutzt haben. Keine gute Voraussetzung für eine langfristige, fruchtbare Zusammenarbeit, vielleicht der Anfang vom Ende einer ansonsten guten Beziehung.
Eine neue „Unart“ besteht darin, dass Bewerber ihre Daten in einer Vielzahl von Stellenbörsen platzieren – einfach so zum Test. Wenn sie dann kontaktiert werden, weil das Profil interessant erscheint, melden sie sich nicht. Dies ist unprofessionell und nebenbei unhöflich. Und wenn Sie in einer solchen Situation bereits einen neuen Job gefunden haben, müssen Sie sicherstellen, dass alle Ihre Stellengesuche in den Börsen herausgenommen werden. Würde es Ihnen nach einer aufwändigen Bewerbung gefallen zu erfahren, dass die Stelle längst besetzt ist und man nur vergessen hat, die Ausschreibung zu „deaktivieren“?
Vielleicht nutzen Sie Ihr neues Wissen aber auch nicht, um mehr Geld zu erhalten. Sie freuen sich einfach – entweder über Ihr angemessenes derzeitiges Gehalt oder darüber, dass Sie mehr wert sind. Sie nehmen die neue angebotene Stelle nicht an. Allerdings haben Sie demjenigen, der die Stelle zu besetzten hat, eine Menge unnötige Arbeit gemacht. Er muss die Suche vielleicht neu aufnehmen. Wenn die Gründe für Ihre Ablehnung nicht eindeutig nachvollziehbar sind, wird beim Personalentscheider ein ungutes Gefühl bleiben. Er fühlt sich in gewissem Maße hintergangen. Er wird in Zukunft noch misstrauischer sein. Damit haben Sie anderen Stellensuchenden keinen guten Dienst getan. Dazu kommt, dass potentielle Arbeitgeber und auch Personalberater sich die Namen solcher Kandidaten vielleicht merken. Und wenn Sie dann wirklich wechseln wollen, sortiert man Sie aus, weil man nicht glaubt, dass Sie es ernst meinen.
Fazit: Wenn Sie sich bewerben, sollten Sie auch grundsätzlich wechselbereit sein. Natürlich gibt es immer Gründe, eine angebotene Stelle abzulehnen. Aber diese Gründe müssen schlüssig und für den Anbietenden nachvollziehbar sein. Nichts ist schlimmer, als in den Ruf zu geraten, dass es eine Zeitverschwendung ist, sich mit Ihrer Bewerbung zu befassen!
Alfred Speth,
Geschäftsführender Gesellschafter
